Schizophrenie und Gesellschaft
Autor: Gilles Deleuze
Deutsch
5.00 CHF
ISBN: 978-3-182086688
In den Warenkorb Merken
Gilles Deleuze hat, insbesondere in Zusammenarbeit mit **Félix Guattari**, zwei bahnbrechende Werke verfasst, die sich intensiv mit dem Verhältnis von Schizophrenie, Gesellschaft und Kapitalismus auseinandersetzen:

1. **Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie, Band 1** (1972)
2. **Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, Band 2** (1980)

Diese Bücher revolutionierten das Verständnis von psychischer Krankheit, insbesondere der Schizophrenie, indem sie sie nicht primär als individuelle Pathologie, sondern als einen **Prozess** oder eine **Grenzerfahrung** innerhalb gesellschaftlicher und ökonomischer Gefüge begreifen.

### Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie, Band 1

Im **Anti-Ödipus** kritisieren Deleuze und Guattari vehement die klassische Psychoanalyse (insbesondere Freud und Lacan) und deren Konzept des Ödipus-Komplexes. Sie argumentieren, dass das Begehren nicht durch Mangel oder Familienstrukturen geformt wird, sondern eine produktive Kraft ist, die "Begehrensmaschinen" erzeugt.

**Kernideen:**

* **Ablehnung der Ödipus-Deutung:** Die Psychoanalyse wird als eine Art "Familienroman" kritisiert, der das Begehren in repressive familiäre Dreiecke (Vater-Mutter-Kind) und Schuldgefühle zwängt, anstatt seine revolutionäre und schöpferische Kraft zu erkennen.
* **Schizophrenie als Prozess:** Schizophrenie wird nicht als Krankheit oder Defizit verstanden, sondern als ein Prozess, der die Grenzen des Selbst und der sozialen Ordnung sprengt. Sie ist eine "Entterritorialisierung" des Begehrens, ein Aufbrechen fester Identitäten und Strukturen.
* **Begehrensmaschinen und der Körper ohne Organe (KNO):** Das Begehren ist eine unaufhörliche Produktion von Verbindungen, Flüssen und Intensitäten. Der "Körper ohne Organe" ist eine imaginäre Ebene jenseits jeder Organisation oder Funktionalität, ein potenzieller Raum der reinen Intensität und des unbegrenzten Begehrens.
* **Kapitalismus und Schizophrenie:** Der Kapitalismus wird als ein System analysiert, das ständig Flüsse des Begehrens und der Produktion freisetzt (*Deterritorialisierung*), diese aber auch ständig wieder kodiert und kanalisiert (*Reterritorialisierung*), um sie für seine eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Deleuze und Guattari sehen eine tiefe strukturelle Analogie zwischen den grenzüberschreitenden Prozessen der Schizophrenie und den destabilisierenden, entterritorialisierenden Tendenzen des Kapitalismus.
* **Schizoanalyse:** Ziel ist eine "Schizoanalyse", die die repressiven Strukturen und die Produktion des Begehrens in der Gesellschaft freilegt, um die befreiende Kraft der schizoiden Prozesse zu nutzen.

### Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, Band 2

Im zweiten Band, **Tausend Plateaus**, erweitern Deleuze und Guattari ihre Analyse und entwickeln eine Vielzahl neuer Konzepte, die oft als noch radikaler und komplexer empfunden werden. Der Fokus liegt weniger auf der klinischen Schizophrenie selbst, sondern vielmehr auf den "schizoiden Prozessen" der Entgrenzung und des Werdens in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, der Kunst, der Wissenschaft und der Politik.

**Kernideen:**

* **Rhizom:** Als Gegenmodell zum hierarchischen, baumartigen Denken wird das Rhizom eingeführt - eine nicht-lineare, nicht-hierarchische Struktur ohne Anfang und Ende, die sich in alle Richtungen ausbreiten kann und ständig neue Verbindungen eingeht. Es ist ein Modell für Denken, Organisation und Leben, das die Vernetzung, Heterogenität und ständige Transformation betont.
* **Assemblagen (Agencements):** Statt von festen Subjekten oder Objekten sprechen sie von "Assemblagen" - heterogenen Verbindungen aus Menschen, Dingen, Diskursen und Praktiken, die zusammenwirken und etwas Neues erzeugen.
* **Glatte und gekerbte Räume:** Sie unterscheiden zwischen "glatten Räumen" (offen, nomadisch, entterritorialisiert) und "gekerbten Räumen" (strukturiert, hierarchisch, sesshaft, reterritorialisiert), die in ständigem Wechselverhältnis stehen.
* **Kriegsmaschine und Nomadologie:** Die "Kriegsmaschine" wird nicht nur militärisch verstanden, sondern als eine Kraft, die traditionelle staatliche und hierarchische Strukturen herausfordert. Die "Nomadologie" erforscht das Denken und die Lebensweisen, die sich gegen Sesshaftigkeit und feste Identitäten richten.
* **Linien der Flucht:** Überall dort, wo sich etwas Altes auflöst und etwas Neues entsteht, sehen sie "Linien der Flucht", die Möglichkeiten für Transformation und Befreiung bieten.

### Fazit

Die Bücher von Deleuze und Guattari sind äusserst komplex, dicht und herausfordernd zu lesen. Sie haben jedoch einen enormen Einfluss auf die Philosophie, die Soziologie, die Literaturtheorie, die Psychologie und die kritische Theorie ausgeübt. Ihr Kernanliegen ist es, Denkweisen aufzubrechen, starre Identitäten zu hinterfragen und die befreiende Kraft des Begehrens und der Prozesse der Entterritorialisierung zu erkunden, um neue Möglichkeiten des Denkens und Lebens jenseits repressiver Strukturen zu schaffen. Sie laden dazu ein, die Welt nicht als statische Gegebenheit, sondern als ein Feld ständiger Produktion, Flüsse und Werdens zu begreife